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Die Misteldrossel (Turdus viscivorus)

Englisch: Mistle Thrush
Französisch: Grive draine

Auf den hohen alten Bäumen, wo einst die Druiden eine der zauberkräftigsten Zutaten für ihre Tränke fanden, da begleitete sie der Reviergesang der Misteldrosseln.

Wie Frühlingsfanfaren tönen ihre kurzen, stoßweise angestimmten Strophen. Jede dieser Tonreihen, die in kurzen Abständen aufeinander folgen, ist aus 6, 7 oder 8 Tönen mit nur geringen Höhenunterschieden arrangiert. Am Schluß einer solchen Abfolge steht mitunter noch ein leises Nachgezwitscher. Blue notes verleihen diesen Arrangements etwas verträumt Melancholisches.

Wer genau hinhört, wird klangliche Ähnlichkeiten mit dem Gesang der Amseln feststellen. Die Gesangsstrophen von Misteldrosseln wirken zum Teil wie unvollständige, ein bisschen nachlässig intonierte Amselstrophen. Einem Vergleich mit dem außerordentlichen Formenreichtum im Repertoire eines Amselmännchens, welches weit über zweitausend verschiedene Strophen umfassen kann, hält der Gesang der Misteldrosseln allerdings nicht einmal annähernd stand. Dennoch hat auch jedes Misteldrossel-Männchen sein eigenes Repertoire an Strophentypen, das ihn individuell kennzeichnet.

Typisch für Misteldrosseln ist die intensive Gesangsaktivität zur Paarungszeit, die schon im Februar beginnt und mit Pausen bis Ende Mai reichen kann. In dieser Zeit sind die Vögel extrem territorial und singen von hohen Warten an ihren Reviergrenzen und sogar im Flug. Herbstgesang kommt nur von Zeit zu Zeit vor.

Misteldrosseln sind ziemlich große, schwere Vögel. Unter den Mitteleuropäern in der Drosselfamilie sind sie in Punkto Körperlänge und Gewicht die unangefochtene Nummer eins. Nicht zuletzt dies macht sie leider auch zur beliebten Beute kulinarisch motivierter Vogelfänger.

Den graubraunen Rücken und den weißen Bauch mit braunen Tupfen haben hier nicht nur Männchen wie Weibchen. Sie ähneln darin auch der Singdrossel, die aber viel kleiner ist.

Ihre Nester bauen die Saison- Ehepartner am liebsten in den Zweigen hoher Waldbäume. Gärten oder Alleebäume sind im 19. Jahrhundert zu Ausweichquartieren geworden, weil die zusammenhängenden Hochwälder allmählich verschwanden. Dort oben finden sie auch den Namen gebenden Bestandteil ihrer Nahrung, die Mistelbeeren. Kraftnahrung für die Jungenaufzucht suchen sie im Frühjahr und Sommer am Boden, z.B. Regenwürmer, kleine Schnecken und große Käfer. Im Herbst und Winter überwiegt die Vorliebe für Früchte wie z.B. die der Mistel oder auch Holunderbeeren, Ebereschenbeeren und Hagebutten, Oliven und Trauben. Die fruchttragenden Büsche und Bäume ihres Reviers verteidigen die Vögel konsequent gegen den Einfall von Artgenossen oder verwandten Drosseln.

Die Bestandszahlen der Misteldrossel sind in Mitteleuropa weitgehend stabil. Artspezifische Schutzmaßnahmen sind also heute nicht akut geboten. Allerdings bleibt es wie bei vielen anderen Tierarten von dauernder Bedeutung, passende Lebensräume mit genug geeigneter Nahrung zu erhalten, beispielsweise alte Streuobstbestände und Waldwiesen. Der verbreitete Biozideinsatz generell und gebietsweise forstliche Eingriffe gehören zu den Faktoren, die die Überlebenschancen der Misteldrosseln nachweislich gefährden können.

Quelle: http://www.nature-rings.de/tiere/16/page1.html bis http://www.nature-rings.de/tiere/16/page3.html


Eine Misteldrossel gesehen auf dem Parkplatz des Hodson Bay Hotels